Was wird bleiben von diesem Jahr, das so ganz anders verlaufen ist, als wir es uns am Anfang vorgestellt hatten? Ein Jahr, in dem wir die Pläne, die wir hatten, schneller begraben mussten, als die entsprechenden Verordnungen nachkamen. In dem die einen im Home-Office nebenbei Kinder unterrichtet haben, andere in der Pflege und im Einzelhandel bis zum Umfallen geschuftet haben oder ihre gesamte Existenz den Bach runtergehen sahen. Wieder andere haben vor lauter zu viel Zeit Brot gebacken, Keller entrümpelt, renoviert und vielleicht über den Wert von Nachhaltigkeit nachgedacht, weil es nichts zu reisen und zu shoppen gab. Manche haben vielleicht auch, so wie ich, Zeit für ein lang gehegtes Projekt gefunden.
Was also wird bleiben von diesem so ganz besonderen Jahr, an dessen Ende wir nicht besser dastehen als im März, ganz im Gegenteil?
Nicht viel, denke ich. Die Befürchtung (oder die Hoffnung), dass nichts mehr so sein wird wie es war, ist meiner Meinung nach unbegründet. Ich denke, die Rückkehr zur Normalität wird langsam und tastend beginnen. Und sich dann immer schneller wieder dorthin bewegen, wo wir waren. Und darüber hinaus, fürchte ich. Das glauben anscheinend auch die Anleger, die dem Börsenkurs der Lufthansa am Dienstag ein sattes Plus beschert haben, eben weil sie davon ausgehen, dass die Menschen nach der Pandemie vermehrt reisen werden, wie es in den Wirtschaftsnachrichten des Heute Journals hieß.
Weil wir ein Jahr pausieren mussten, werden wir nachholen, was uns entgangen ist: mehr reisen, weiter in die Ferne, mehr shoppen (auch weil wir – wenn wir es bis dahin noch nicht wussten – gelernt haben, wie praktisch es ist, online zu kaufen), mehr feiern und vermutlich auch weniger solidarisch sein. Eine Zäsur? Vielleicht, aber nur vorübergehend. Die Alten werden genauso einsam sein wie wie vorher, Pflegekräfte werden nicht besser bezahlt werden und die Ökonomisierung des Gesundheitswesens wird weitergehen, man denke nur an die Tarifverhandlungen dieses Sommers und an den Hickhack um die Auszahlung des so eilig versprochenen Pflege-Bonus.
Und auch der Klimawandel wird unaufhaltsam weitergehen, nehme ich an, denn wir haben jetzt einmal richtig verzichten(!) müssen, nochmal und fürs Klima und für die Folgen, die wir in ihrer gesamten Ausprägung alle nicht erleben werden – dazu sind wir vermutlich nicht bereit. Das Thema nach der Pandemie wird eher Hedonismus sein: das haben wir uns verdient, schließlich haben wir verzichtet und dürfen uns jetzt belohnen. Mit allem was geht.
Und der Riss zwischen Leugnern, Querdenkern, Impfgegnern, Neurechten, Verschwörungsmythenanhängern und dem Rest der Gesellschaft? Er wird nicht verschwinden, es wird sich ein anderes Thema finden, dafür wird die AFD schon sorgen. Waren es nach 2015 die Flüchtlinge (wohin sind die eigentlich verschwunden, spricht noch einer von ihnen, was war doch gleich mit Moria?), 2020 das Corona-Virus, wird sich für die Zeit danach sicherlich ein Thema ergeben. Der Klimawandel war es dazwischen ja schon zeitweise, das kann man bestimmt wiederbeleben, dann gewinnt man vielleicht auch noch die Tempolimit-Gegner und SUV-Fetischisten dazu, die beim Kampf gegen Corona noch mitgemacht haben. Wenn man lange genug sucht, findet man in jeder Ecke ein Thema, mit dem es sich gegen das „System“ Stimmung machen lässt, völlig skrupellos. Und genug Verunsicherte, die sich um ihr ganz spezielles Wohl sorgen und denen Solidarität zum Fremdwort geworden ist. Denen aber auch das Gefühl fehlt, Gehör zu finden und gesehen zu werden in einer Gesellschaft, die verlernt hat, einander zuzuhören, Konflikte in Debatten zu lösen und abweichende Meinungen auszuhalten (solange sie sich auf dem Boden des Grundgesetzes bewegen). Eine Gesellschaft, in der es nur noch richtig oder falsch zu geben scheint, Freund oder Feind – bist du nicht für mich, bist du gegen mich – kein sowohl als auch, keine Grautöne… Der Verlust der Debattenkultur macht mir mehr Sorge als alles andere.
Meine Sicht auf die Dinge mag pessimistisch sein, vielleicht, und das würde mich von Herzen freuen, habe ich unrecht. Vielleicht wird die Welt, oder wenigstens ein Teil von ihr, eine bessere sein, vielleicht wird die neue Normalität eine andere sein, vielleicht werden wir solidarisch sein, unsere Pflegekräfte und die, die im Einzelhandel schuften, endlich nach ihrem Wert für die Gesellschaft entlohnen und ihnen die Wertschätzung zukommen lassen, die sie verdienen. Vielleicht werden wir uns alle mehr umeinander kümmern, nicht nur aus Kalkül, sondern aus Empathie und weil wir in diesem Jahr gemerkt haben, wie wertvoll das Miteinander ist.
Vielleicht sollten wir einen Augenblick über diese Möglichkeit nachdenken.