Irgendwo im Erdgeschoss hörte er das gleichmäßige Surren einer Schleifmaschine. Paul war schon seit Wochen damit beschäftigt, irgendwelche alten Türen zu bearbeiten. Bruno dachte kurz daran, ein Schwätzchen mit ihm zu halten, überlegte es sich dann aber anders. Paul war in letzter Zeit ziemlich schlecht drauf, besonders seitdem seine Frau vor einigen Wochen aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen war. Was immer die Ursache war – Paul hatte sich nicht näher dazu geäußert – das Alleinsein bekam ihm gar nicht. Aus dem freundlichen, immer hilfsbereiten und gut gelaunten Kollegen, den Bruno schon fast einen Freund genannt hätte, war ein griesgrämiger, grantiger Kerl geworden, dem man ansah, dass er zu wenig schlief und niemand für ihn sorgte. Bruno hatte versucht, mit ihm zu reden, aber Paul hatte ihm unmissverständlich klar gemacht, dass er keinen Bedarf an Lebensberatung hatte und lehnte es ab, überhaupt über seine Probleme zu reden. „Es tut mir leid, Bruno“, hatte er gemeint und sich mit einer müden Geste über die Augen gewischt, „aber dabei kann mir niemand helfen.“ Bruno hatte es bei dem Versuch belassen und hoffte, dass die Zeit dafür sorgen würde, dass Paul wieder der alte wurde.
Der erwartete Regen ließ noch bis zum Mittag auf sich warten, genug Zeit also, den Rhododendron und auch die Rosenstöcke in die Erde zu bringen. Zufrieden mit sich und seinem Werk ließ Bruno sich um kurz nach eins in den alten Lehnsessel sinken, in dem er üblicherweise seine Mittagspause während der kälteren Jahreszeiten verbrachte. Den Sessel hatte er vor Jahren aus dem Sperrmüll gezogen, als man angefangen hatte, das Schloss zu renovieren, vielleicht hatte er mal einem Amtsrichter gehört, der in längst vergangenen Zeiten hier residiert hatte. Jetzt stand der Sessel unter dem Fenster in der ehemaligen Sattelkammer, sodass er einen Ausblick auf den unteren Burghof und einen Teil des umliegenden Parks hatte. Die schläfrige Zufriedenheit, die ihn unweigerlich immer um diese Tageszeit übermannte, sorgte dafür, dass seine Lider schwer wurden und nicht lange danach ließen gleichmäßige Schnarchgeräusche darauf schließen, dass Bruno die Tiefschlafphase seines Mittagsschläfchens erreicht hatte, während draußen die aufziehenden Wolken endgültig die Frühlingssonne vertrieben und die ersten schweren Tropfen die frisch eingesetzten Pflanzen benetzten.
Der aufkommende Wind, der die offen stehende Tür zur Sattelkammer zuschlug und der Regen, der gegen das Fenster prasselte, rissen Bruno unsanft auf seinem Schlummer. Noch halb im Schlaf sah er Alex im Laufschritt den Burghof überqueren, einen Spaten in der einen und eine Harke in der anderen Hand, dazu einige Jutesäcke unter dem Arm. ‚Meine Güte’, dachte er träge, ‚dass der Junge aber auch immer so langsam sein muss. Da hat er es nicht mal geschafft, den Kram vom Pflanzen noch vor dem Regen weg zu schaffen.‘ Ein Blick auf seine Armbanduhr sagte ihm, dass er mindestens eine halbe Stunde geschlafen hatte. Resigniert schüttelte er den Kopf. Alex war jung, aber nicht gerade willig und was man ihm nicht mindestens drei Mal sagte, wurde sowieso nicht erledigt. Am besten war es, man blieb neben ihm stehen und überwachte jeden seiner Schritte. Alex hatte die Arbeit bestimmt nicht erfunden und Bruno bezweifelte, dass sich daran je etwas ändern würde. Aber was sollte man auch schon erwarten von einem jungen Mann, der die Haare lang wie ein Mädchen trug und ununterbrochen Kaugummi kaute?
Alex war in Richtung des Gartenschuppens am anderen Ende des Parks verschwunden, während Bruno sich angesichts des aufhellenden Horizonts, der auf ein baldiges Ende des Regenschauers deutete, in den Sessel zurücksinken ließ. Ein Viertelstündchen noch, dann dürfte das Schlimmste vorbei sein, dachte er und schloss erneut die Augen.
Als er sie das nächste Mal öffnete, schien die Sonne frühlingswarm von einem blauen Himmel als wäre nichts gewesen. „April, April, der macht was er will“, murmelte er, während er sich ächzend aus dem Sessel stemmte. Seine alten Knochen machten sich bei diesem wechselhaften Wetter schmerzhaft bemerkbar. Ein Leben lang draußen bei Wind und Wetter, dazu die schwere Arbeit… er war eben doch nicht mehr der Jüngste.
Nun gut, er würde wohl erst mal gucken müssen, wo Alex wieder steckte, bevor sie sich daran machen konnten, die restlichen Pflanzen einzusetzen. Der Junge neigte dazu, häufiger am Tag einfach für eine Weile zu verschwinden um dann unvermutet wieder aufzutauchen. Bruno vermutete, dass er vielleicht irgendwo ein Schläfchen hielt, aber ertappt hatte er ihn noch nicht dabei.
Er überquerte eben den Hof, als laute Stimmen von irgendwoher unten im Schloss nach draußen drangen. Pauls wüstes Geschimpfe wurde von Trixi Hammermeisters Gezeter noch übertönt. Bruno konnte nicht verstehen, was gesagt wurde, aber es klang ziemlich bedrohlich. Einen Moment schwankte er zwischen Neugier und Flucht, während er seinen Blick auf die Tür, die vom Hof in den Vorraum des Museums führte, geheftet hielt. Er entschied sich dann aber dafür, am besten zu verschwinden, bevor er womöglich zwischen die Fronten geriet. Worüber auch immer die beiden stritten, ihn ging es bestimmt nichts an.
Fast wäre ihm der erfolgreiche Rückzug gelungen, aber gerade in dem Moment, in dem er um die Ecke verschwinden wollte, wurde hinter ihm die Tür aufgerissen und Trixis Stimme forderte ihn unmissverständlich auf, sofort stehen zu bleiben und ins Schloss zu kommen. „Und er soll diesen nichtsnutzigen Hiwi gleich mitbringen!“, röhrte Paul von irgendwo drinnen.