Ich bin vier oder fünf, vielleicht auch sechs, so ungefähr, und es ist Winter und es liegt Schnee, so wie heute gerade auch.
Gefühlt lag ja bei uns allen in der Kindheit im Winter immer Schnee, ein Phänomen, das wirklich jeder kennt und so erzählt. Natürlich war es nicht so, man kann z.B. die Jahre mit weißer Weihnacht für seinen Wohnort im Internet nachschauen und dann wundert man sich, woher das Denken kommt, denn mehr als zwei- oder dreimal war es meistens nicht. Aber gefühlt…
Es ist also Winter und es liegt Schnee. Viel wird es nicht gewesen sein, das war wirklich nur einmal, in dem legendären Schneewinter 78/79, an den sich wirklich jeder, der ihn erlebt hat, auch heute noch erinnert.
Wenn überhaupt, sind die Wiesen und Äcker vielleicht mit ein paar Zentimetern weißer Pracht bedeckt. Und manchmal wachsen Eisblumen an den Fenstern. Wie kalt muss es in den Zimmern gewesen sein!
Wir haben einen Schlitten, uralt, vielleicht noch vom Vater, gut erhalten. Aber natürlich keinen Berg. Oder überhaupt einen Hügel, es ist flaches Land, moorig.
Es gibt einen aufgeschütteten Erdwall in einer Wiese, ein Stück den Weg entlang. Das ist unser Berg. An der einen Seite hatte jemand schon Jahre zuvor aus unerfindlichem Grund etwas von der Erde weggeschaufelt, so dass eine steil abfallende Kante entstanden war. Wir nennen sie die „Todesbahn“, nur für die besonders Mutigen unter uns. Zu den anderen Seiten fällt der Hügel sanft ab, nach Norden ist allerdings ein Stacheldrahtzaun und dahinter ein Graben. Also entweder die Todesbahn oder den langen Auslauf nach Süden, wo man genug Schwung hat, ein paar Meter über die Wiese zu gleiten. Die Ostseite ist für den „Aufstieg“ reserviert, Ordnung muss sein. Im Ganzen mag der Hügel vielleicht eine Höhe von zwei Metern haben, immerhin.
In meiner Erinnerung sind wir jeden Tag im Winter dort, stundenlang. Immer. Weil ja immer Schnee liegt. Und wir haben die beste Rodelbahn, die man sich wünschen kann. Was für ein Spaß! Die eiskalten Füße in den durchnässten Stiefeln, die gefrorenen Wollhandschuhe, die man kaum von den roten, zitternden Händen bekommt und die klammen Hosenbeine habe ich vergessen.
Und falls jemand gucken möchte, ob bei ihm nicht doch in der Kindheit immer Schnee lag: https://interaktiv.waz.de/schnee-an-weihnachten/
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Toller Text. So habe ich es auch empfunden als Kind. Todesmutig einen Hügel hinunterfahren! M. Seiffert-Schröder
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