Gestern bin ich mit der Bahn gefahren. Nun, vielleicht sagt sich der geneigte Leser, selbst schuld, da muss man sich nicht wundern, wer sich auf so ein Abenteuer einlässt, wird eben auf eine harte Probe gestellt.
Weiß ich ja, auf der Rückfahrt 2 Stunden gestrandet in Gütersloh wegen eines Chemiealarms in Bielefeld (nein, hier kommt jetzt nicht auch noch ein Bielefeld-Witz) – geschenkt. Heulende Kinder, entnervte Damen, die leise vor sich hingrummeln, Väter, die ihre Mütter… äh… Ehefrauen anranzen, sie sollen doch mal das Kind zur Ruhe bringen, sonst gäbe es Handyverbot (für wen?), alles kein Ding. Und dass aus guten Gründen auf den Regionalexpress-Linien Alkoholverbot herrscht, wen interessiert das schon? Da sitzen Boomerjungs mit ihren Kumpels auf Tour, eingequetscht in zu enge Vierersitze, die Hände um die Bierdosen wie zum Gebet gefaltet. Manchmal fällt so eine Dose auch schon mal unbeabsichtigt runter, schnell bilden sich auf den glatten Böden Lachen, meistens klebrig. Manche tarnen ihre Getränke unter Pullovern oder Caps, ein Rest Scham, immerhin.
Die JunggesellInnen-Abschiede sind da völlig schmerzfrei, das bunte Zeug in den Limoflaschen würde jede Kontrolle überstehen (gab es sowieso nicht), zum Glück tragen alle die gleichen Shirts, damit niemand, egal in welchem Zustand, verloren gehen kann. Oder man ihn/sie wenigstens zuordnen kann.
Der Lärm in so einem Waggon ist infernalisch, weil sich die Gruppen ja über mehrere Sitzreihen unterhalten, damit auch alle alles mitbekommen. Weitere Reisende versuchen den Lärm zu übertönen, so wie die zwei Damen an meinem Vierertisch, die sich von Bielefeld bis Wattenscheid ununterbrochen in einer Sprache, die mir fremd war, unterhalten haben. Es ging viel um Parfüm, so viel habe ich mitbekommen.
Wer ohne Begleitung reist, telefoniert dafür ausgiebig. Oder guckt ein Video. Ach ja, die Ohrhörer sind gerade leer, na, egal. Dazu all die Kinder, die mit quakenden und quietschenden Tablets und Handys ruhiggestellt werden. Wobei sich ruhig nur auf das Kind bezieht.
Was mich aber wirklich, und das schon auf der Hinfahrt, an den Rand eines Nervenzusammenbruchs gebracht hat, war Roland Kaiser. Also, nicht er selbst, was dann passiert wäre, mag ich mir gar nicht ausmalen. Aber was sollte Roland Kaiser auch in einem Regionalexpress zwischen Minden und Düsseldorf wollen?
Es war seine Musik, die, nun ja, sagen wir es vorsichtig, nicht so ganz meinem Geschmack entspricht. Das ist ja an sich noch kein Problem, es kann ja jeder singen und hören, was er mag. Nur vielleicht nicht in einem völlig überfüllten Regionalexpress an einem Samstagvormittag… Tatsächlich ging es einigen Mitreisenden zu weit, als eine Gruppe mittelalter Junggesellinnen-Abschiednehmende ihre Soundbox aufrissen und den Waggon mit Roland Kaiser in Stadionlautstärke beschallten. Und jeglichen Protest dagegen abbügelte mit dem Hinweis, dass das jetzt mal wieder typisch deutsch wäre, sich darüber aufzuregen, in Deutschland wäre ja alle immer so miesepetrig, die Holländer wären da viel entspannter. Man solle sich doch mal locker machen. Wo denn die Toleranz bliebe?
Für einen Moment wünschte ich mich nach Japan, wo in Zügen, egal ob überfüllt oder nicht, sogar leises Sprechen verpönt ist. Ich war leider erst in Wattenscheid und bin aus dem Waggon geflüchtet.
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